Brucknerfest 2015

02.10,2015

Überzeugende und packende „Vierte Bruckner“ in St. Florian

Das Mariinsky Orchester St. Petersburg unter Valery Gergiev bescherte den Brucknerfreunden am Freitagabend in St. Florian große Freude: schon die Betonung des Bläserklanges gegen sehr zurückgenommene Streicher in den ersten Takten der Vierten Symphonie Bruckners in der Nowak-Fassung ließ aufhorchen; im weiteren Verlauf des Kopfsatzes hörte man, da ist einer am Werk, der nicht nur partiturgetreue Rubati liefert, sondern der es weiß, organisierte Übergänge zu schaffen, und die chorische Gruppenbildung der Geigen mit einer selten zu erfahrenden exakten Intonation zu leiten.

 

Im Adagio überzeugten satte Klänge der Streicher, aber keineswegs deshalb aufdringlich, und große Präzision in den Bläser-Einwürfen.

Das Scherzo: packend, mäßig im Tempo, am Raum orientiert.

Das Finale beeindruckte ebenso durch Kontraste und das dem Raum angemessene Tempo, ohne den großen Atem zu verlieren. Spannung und Entspannung ergänzten einander in richtigem Maß – man denkt, da hat der Dirigent den Raum akustisch wohl genau studiert.

 

Alles in allem eine symphonische Wiedergabe, in der Disziplin ganz oben stand, exakt ohne langweilig zu sein, im Fortissimo laut, aber nicht lärmend,im Gesamten entschlackt, aber nicht unromantisch: vielen Dank an Valery Gergiev und sein Orchester für eine mehr als beeindruckende Stunde am denkwürdigen Ort!

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

21.09.2015

Eine Sternstunde im Brucknerfest

 

Die Wiener Philharmoniker unter  Semyon  Bychkov bestritten das Orchesterkonzert am Montagabend im Großen Saal des Brucknerhauses Linz: es gelang ein erstklassiger Abend, von dem man lange reden wird. Mit Haydns „Trauer-Symphonie“ (Hob. I:44) gelang ihnen ein delikater Start in den Abend: fein nuancierte Klänge, samtig und doch mit Konturen, in dezimierter Besetzung, dem Dirigenten ohne Stab gerne auf sparame Zeichen folgend.

 

In ganz anderer Art boten sich fünf „Wesendonck-Lieder“ von Richard Wagner, in Bearbeitung und Instrumentierung von Felix Mottl dar: ganz in Form in Textdeutlichkeit und Interpretation Elisabeth Kulman: ausdrucksstark, Linien zeichnend, mit großem Atem zauberte sie ein großes Gemälde in den Raum, zu dem die „Wiener“ – ganz in ihrem Element – begleiteten, unterstützten und Farbakzente setzten. Auch hier hat Bychkov den Klangkörper im wahrsten Sinne des Wortes „ganz in der Hand“: wiederum ohne Stab, führend, ich am Wort und den Linien orientierend.

 

Große Überraschung des Abends war allerdings die Zweite Symphonie von Franz Schmidt: Der Bruckner-Verehrer Schmidt – akustisch ebenso hörbar – breitet einen Klangteppich eigener Künstlerschaft aus, in der mehrere Themen verwoben, Sätze unerwartet in einander übergehen und schließlich im grandiosen Finale Fuge und Rondo miteinander verknüpft werden. In wahrer Meisterschaft zollten die Wiener Philharmoniker ihrem ehemaligen Cellisten (Schmidt war es im Alter von 25 Jahren) mehr als deutlichen Respekt: Bychkov zeigte, dass keineswegs nur ein österreichischer Dirigent die „österreichische Seele“ nachzuspüren imstande ist: er arbeitete alle Feinheiten des bombastisch, choralartig schließenden Werkes heraus und zeigte auch gut den der Orgel zugewandten Kompositionsstil Schmidts. Berechtigter, langanhaltender Applaus für eine wahre Sternstunde des diesjährigen Brucknerfestes.

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

18.09.2015

KLANGLICHE MEISTERLEISTUNG BEI BESCHÄMENDER PRÄSENTATION

 

Reduktionen großer symphonischer Orchesterliteratur gab es schon zu Lebzeiten von Komponisten – man bedenke die Uraufführung von Bruckners „Tedeum“ mit 2 Klavieren! Spannend war die Darbietung der 7. Symphonie von Anton Bruckner am Freitagabend im Mittleren Saal des Brucknerhauses in der Fassung für Streichquintett, Klarinette, Horn, Klavier (vierhändig) und Harmonium von Erwin Stein. Ein durchsichtigeres Klangbild kann man sich kaum vorstellen, man hört in einer eigenartigen Transparenz das harmonische und polyphone Gefüge ganz anders und „neu“:

Eine Erfahrung, die man nicht nur vielen angehenden Musikern gegönnt hätte – aber wo waren sie? Vor abgezählten 41 Personen mühte sich Thomas Christian mit seinem Ensemble, bestehend aus erfahrenen Musikern, redlich und erfolgreich. Ein espressiveres Adagio hört man kaum, das Scherzo schlank und packend, das Finale gleich dem Kopfsatz ausladend, „orgelnd“, alle Raffinessen der Orchestrierung auskostend.

Eine gültige interessante Darstellung, die nicht nur mehr Beachtung verdient hätte, sondern für deren Aufbereitung und Präsentation sich das Brucknerhaus schämen sollte: einen so mickriger Programmzettel, der nicht einmal die Satzbezeichnungen, geschweige denn den Schöpfer der Bearbeitung nennt, ist eines angeblich „internationalen“ Brucknerfestes mehr als unwürdig. Dass die Werbung nicht funktioniert, sah man am dürftigen Besuch; wenn man dann provokant im großen Saal nebenan einen „armenischen Abend“ veranstaltet und sich selbst konkurriert, kann an einer überlegten Planung nur mehr zweifeln.

Für die, die es genießen durften, wuchs die Erkenntnis, dass diese Reduktion auf das Wesentliche ein Beweis ist, dass es auch ohne die „großen Räume“, die „weiten Hallen“ und ohne den „religiösen Mystizismus“ – obwohl der Berichterstatter diesen nicht leugnen möchte – gelingt, Bruckners Gerüst gültig zu interpretieren.

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

11.09.2015

Bruckner-Messe in St.Florian

Gekonnt in den Tempi und dem Raum angepasst

 

Für ein Laien-Ensemble ist der Wiener Domchor ein sehr leistungsfähiger Klangkörper; für die Wiedergabe der f-Moll-Messe von Anton Bruckner in St. Florian am Freitagabend ging der junge Domkapellmeister Markus Landauer freilich auch an die Grenzen des Ensembles; das Domorchester assistierte professionell. Dass Landauer mit großen Räumen gut umzugehen vermag, zeigte sich allenthalben in den guten Tempi und gekonnten Übergängen. Vom Orchester hätte man sich delikatere Piano-Einleitungen wie z.B. im Agnus und Sanctus gewünscht.

Als Solistenquartett – mit nicht unbedingt dankbaren Aufgaben – ließen sich Regina Riel, Angelika Kirchschlager, Markus Miesenberger und Yasushi Hirano hören, ausgewogen im Quartett, ebenbürtig im Vibrato. Unverständlich, warum Kirchschlager größer als die anderen am Programmheft prangen durfte, unverständlich auch die auf Floskeln und Allgemein-Plätze reduzierte Programmeinführung, die Gloria und Credo sogar nur linearen Verlauf der Chorstellen zuschrieb, offensichtlich die dichte Kontrapunktik in den jeweiligen Schlüssen dieser Teile nicht erkennend.

Als „Vorspann“ – wozu eigentlich? – diente eine enorm emotional spannend gelungene Aufführung von „Kol Nidrei“ von Max Bruch mit einem von Florian Eggner meisterhaft gespielten Solo-Violoncello-Part.  Schließlich gabs als Eröffnung drei Bravour-Motetten („Locus iste“, „Christus factus est“, „Ave Maria“) von Bruckner: die kantige, nahezu schlagende Zeichengebung des Dirigenten verhalf den intimen Stücken nicht gerade zum abgerundeten Klangerlebnis, sondern ließ dem Zuhörer bei Nicht-Hinblicken eher eine Musiziergemeinschaft preussischen Ursprungs vermuten.

 

Rupert Gottfried Frieberger