Brucknerfest 2014

03.10.2014

Bruckner-Symphonie in St. Florian: Dankbarkeit auch für wenig Interessantes

Selbstbewusst und lärmend erschienen die Damen und Herren des Brucknerorchester Linz am Freitagabend am Podium in der Stiftskirche St. Florian. Und ziemlich lärmend ging es weiter, als Dennis Russel Davies den Stab erhob für den Kopfsatz der Dritten Symphonie von Anton Bruckner in der Erstfassung: unisono zu spielen ist gar nicht so leicht – erst recht nicht im „Pleno“, aber auch in den Streichern gab es vorauseilende Instrumente. Zugegeben, die Akustik ist in St. Florian nicht einfach (müsste man da vielleicht mehr proben?), aber das Orchester wälzte sich nun mal wie eine träge Masse von einem Fortissimo zum andern, die Intonation in den Holzbläsern war in diesem ersten Satz auch nicht gerade von feiner englischer Art, alles schien sich erst „zurechtbiegen“ zu müssen. Und die Streichertremoli waren wohl missverstanden, wenn sie sich in einem Starkstrom-Vibrato im Stück fortsetzten. Und wahrscheinlich war es dieses Vibrato, das dem Adagio jedwede Poesie genommen hatte, alle pianissimi missachtend, als ob die Pferde durchgehen wollten. Da waren viele Chancen eines stimmungsvollen Musizierens vertan – ich will ja nicht sagen, dass jeder Dirigent dem „religiösen Mystizismus“, der Anton Bruckner innewohnt, huldigen muss – aber es geht um den Ausdruck der Seele und Emotion, die diesen Sätzen innewohnt, und die mitgeteilt werden wollte. Von polterndem Duktus auch das Scherzo, kaum Differenzierungen zwischen Forte und Fortissimo – hier aber im Trio doch schöne Momente dank der Holzbläser, die im Verlauf des Abends immer mehr an nuancenreichen Spiel zunehmen und feine und delikate Klänge, auch schon im Adagio, abliefern. Nicht überraschend auch das Finale: von Davies im Tempo bedachtsam angegangen, das Laute aus Scherzo und Kopfsatz aufgreifend. Das Engagement des Brucknerorchesters für Bruckner soll damit nicht unter den Scheffel gestellt werden; auch nicht das dafür notwendige Können. Man muss auch dankbar sein, für die Darbietung der selten zu hörenden „ersten Fassung“ der Dritten. Aber in einem angeblich internationalen Fest muss man auch internationale Vergleiche aushalten können. Soll man nun sagen, man muss froh sein um diese Symphonie, weil bei diesem Bruckner-Fest (das den Namen kaum mehr verdient) wenigstens Bruckner gespielt wurde? Wo sind die Zeiten, wo so ein Abend in St. Florian Wochen vorher ausverkauft war, diesmal aber – und schon im Vorjahr – etliche Plätze leer blieben? Soll man den Applaus dahingehend interpretieren, dass man sich bedankt, weil überhaupt eine Symphonie von Bruckner gespielt wurde? Die Musik Bruckners ist nämlich fast so endgültig wie die von Johann Sebastian Bach und mag durch nichts vernichtet werden.

Rupert Gottfried Frieberger

 

02.10.2014

Eine künstlerischere Meisterleistung der Sängerknaben und ihres musikalischen Vaters

Die St.Florianer Sängerknaben präsentierten diesmal ihr diesjähriges Jahreskonzert im Marmorsaal am Donnerstagabend als Veranstaltung des Brucknerfestes im Marmorsaal des Stiftes. Dabei zeigten sie einen Querschnitt durch ihr Repertoire, das inzwischen vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart reicht, in der Spannung von sakral und weltlich, von traditionell und unterhaltungskünstlich, von launisch-humorvoll und heiter, von Klassik bis Pop. Erstaunlich, wie Franz Farnberger die rund 40 Buben und Männer durch einen zweistündigen Abend bei Laune und Konzentration halten kann. Erstaunlich auch, wie er die metallischen Stimmen formt und zu Homogenität und Einheit bringt: sogar in den Männerstimmen, hatte man den Eindruck, hat sich der helle obertonreiche Klang erhalten. Das Konzert zeigte hohe Professionalität in der Darbietung (teilweise sogar durch szenische Einlagen aufgelockert) und hohe Abwechslung in der Stückfolge: Werke von Mozart, Bruckner bis zu Arrangements und Anleihen bei Beatles und Abba wurden mit sprühendem Leben erfüllt – eine Meisterleistung der jungen Leute und ihres musikalischen „Vaters“, dem es auch darum zu tun war, den Star-Solisten Alois Mühlbacher bestens zu präsentieren. Diesem wünscht man eine ausgelotete Karriere; das Potential als Counter-Tenor hätte er, hoffentlich auch dazu das richtige Geschick, behutsam damit umzugehen.

Rupert Gottfried Frieberger

 

30.09.2014

Interessantes Programm an einer ungeeigneten Orgel

Mit einem gewagten Programm präsentierte sich am Dienstagabend Matthias Giesen als „Orgelkurator des Brucknerhauses Linz“ (Programmheft) und präsentierte dabei die Flentrop-Orgel aus dem Jahr 1974 nicht gerade von der besten Seite. An dem für alles andere als für romantische Musik geeigneten Instrument bemühte sich der technisch versierte Organist mit viel Engagement – wenn auch oft vergeblich – trotzdem passende Klangmischungen zu finden für Schumann (4 Skizzen für Pedalflügel), Mendelssohn (Vierte Orgelsonate) und last not least für die ausladende B-A-C-H-Phantasie samt Fugen von Liszt: man möchte nicht gleich sagen vergebliche Liebesmüh, aber im Anteil dennoch etwas fragwürdig in der Programmwahl für einen 90-minütigen Abend. Interessant die Begegnung mit den „Volumina“ von Ligeti: der Rezensent hörte in den 60er Jahren die Wiener Erstaufführung – umso erstaunlicher, wie anders heute ein Organist diese graphische Notation interpretiert: das Stück ist mit seiner Clustertechnik ein Klassiker der Avantgarde und ist dank der Hilfe zweier Registranten sehr gut gelungen. Eine nicht lange Improvisation über ein sehr gut erkennbares Bruckner-Thema bildete eine Art Intermezzo, um Mendelssohn mit Liszt zu verbinden: gut in der Form, persönlich im Ausdruck. Bleibt übrig, von der Darbietung der Bach’schen Werke zu berichten: Phantasie und Fuge g-Moll (zu der das Programmheft eine merkwürdige Beziehung zum Tod von Bachs erster Frau herstellen will) legte Giesen als Eröffnung majestätisch an, ohne Mätzchen, etwas kalt, aber umso länger am Schlussakkord verweilend. Ähnlich auch die beiden Contrapunkte (I, IX) aus der „Kunst der Fuge“ – ohne jedwede Agogik, dafür mit zur Orgel passenden neobarocken Registrierungen. Die Wahl einer Kirche mit einer geeigneteren Orgel hätte diesem interessanten Programm sicher gut getan.

Rupert Gottfried Frieberger

 

25. 09. 2014

Hazods erfolgreiche Streitgespräche

Mit Spannung erwartete man die Uraufführung von Michael Hazods Kammeroper „alea“ am Donnerstagabend als Auftragswerk des Internatonionalen Brucknerfestes. Mit bescheidenen Mitteln kommt die Inszenierung aus – angepasst an die Räumlichkeiten der Tabakfabrik. Das dialogisierende Kompositionspinzip nimmt Hazod – der auch für das Libretto verantwortlich zeichnet – aus dem Stoff: eine fiktive Begegnung zweier Personen samt deren Ehefrauen im 17. Jahrhundert mit der Thematik der Gegenreformation, Luthertum versus Katholizismus aufgrund vorhandener Schriften, die im oö. Landesarchiv aufbewahrt werden. Der Komponist nennt es in der Beschreibung „ein Streitgespräch“. Der Andeutung an das bekannte Frankenburger Würfelspiel gegen Ende entstammt der Titel „alea“. Eine Besetzung mit zwei Orchestern, 2 männlichen und 2 weiblichen Protagonisten ergibt sich logisch daraus, dazu ein Frauenchor, der zwei Funktionen übernimmt; eine Gruppe mit Streichern farblich aufgewertet durch ein Orgelpositiv, die andere mit Bläsern interessant ergänzt durch ein Akkordeon, beiden reichlich Schlagwerk zugeordnet – wohl über den Rahmen einer „Kammeroper“ hinausgehend. Wobei dieses dialogisierende Prinzip eine Reihe klassischer Vorbilder hat – man muss nicht gleich den Namen Bach dafür missbrauchen. Michael Nowak als Graf Heberstorff und Matthias Helm als Erasmus von Tschernembl meistern ihre Rollen trefflich, ebenso als deren Ehefrauen Ilia Vierlinger und Silke Redhamer: sie alle fühlen sich in Hazods Tonsprache ein, wirken überzeugend und verhelfen den bisweilen „eintönigen“ Aussage zu Ausdruck und Mitteilung. Der Frauenchor „e medio cantus“ agiert in dem Einakter auch mit. Leider ist im Programmheft (wie erfreulich, dass es eines gibt – keine Selbstverständlichkeit mehr beim Brucknerfest!!) keine Person der Einstudierung genannt – die Damen singen sauber, ihre schauspielerische Leistung wirkt dennoch etwas zögerlich. Auch die Regieführung wird dort nicht verraten: sie hält zu statischem, einförmigem Agieren mit bescheidenen Mitteln an, nüchtern, jeden Aufputzes entbehrend, den Inhalt der Musik verkörpernd. Diese ist – wie der Komponist in seiner Einführung beteuerte – in Hazods Tonsprache geschrieben, ein wenig spröde, und wer es hören will, entdeckt auch Kontraste und Polyphonie, entdeckt das Prinzip des Kreisens um Zentraltöne und erlebt den nahezu symmetrischen Aufbau des Werkes. Es bleibt die Frage, ob sich Hazod nach diesem Einakter zu einem weiterführenden Stück herbeilassen würde, das die Überwindung der Thematik in der lokalen Geographie von Oberösterreich durch Toleranzpatent und den Mut agierender Persönlichkeiten der Gegenwart zum Inhalt hätte. Denn laut Programmbuch hätte die Handlung auch am beginnenden 21. Jahrhundert stattfinden können – das ist schlichtweg falsch und kann man ihm so nicht abnehmen! Wenn auch zögerlich (aber doch!) gibt es doch genug Ansätze der Aufarbeitung von Ökumene und Frauenpolitik. Mehr als ein interessanter Gag: das Publikum wird zu seinen Plätzen geleitet, nachdem die Musik schon begonnen hat (angeblich „freie Platzwahl“??) und wird aufgefordert, den Saal zu verlassen, bevor die Musik zu Ende ist. Man wünscht den weiteren zwei Aufführungen mehr Publikum.

Rupert Gottfried Frieberger