Brucknerfest 2013

6.10.2013

 

Bruckner Orchester in Hochform

 

 

Mit Bruckners selten zu hörende „Sechste“ überraschte das Bruckner Orchester Linz als Abschlussveranstaltung des diesjährigen Brucknerfestes in der Stiftsbasilika St. Florian am Sonntagabend in mehrfacher Hinsicht.

Da gab es schon im Kopfsatz schöne Momente, wenn auch der Grund-Ductus sich noch etwas „mechanisch“ und statisch gab. Aber eben auf diesen Elementen baute Dennis Russell Davies seine Architektur auf: gekittet mit manch gelungenen dynamischen Ereignissen schritt der Prozess im hell klingenden Adagio voran. Mit wohl disponierten Holzbläser, sauberster Intonation und im langsamen Tempo mit sparsamen Gesten, auf die große Zähleinheit bauend, konnte er die Spannung bis zum Schluss des langsamen Satzes halten.

Es folgte ein angemessen schnell gespieltes kontrastreiches Scherzo mit feinnervigem Trio, das schließlich von einem überzeugenden Finale beschlossen wurde. Ein „erhabener“, entmystifizierter Bruckner mit einem sensiblen, sehr passenden Klangbild – es schien, als sei das Orchester nicht nur in Höchstform, sondern hat nun wirklich Bruckner-Reife erlangt – nicht zuletzt auch als Verdienst an der Arbeit mit Denis Russell Davies.

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

28.9.2013

 

Nicht mehr als eine inszenierte Informationsveranstaltung

 

Die schillernde Persönlichkeit der Hildegard von Bingen ins Zentrum eines Abends zu stellen, ist noch kein schlechtes Unterfangen. Wenn das dann entsprechend „inszeniert“ wird, mit mystisch anmutendem Outfit wie Fackeln, schwarz verhängtem Hintergrund und einer modernen Pedalharfe auf der Bühne, wird man skeptischer. Wenn dann entgegen dem dürftigen Programmbuch und in den Aussagen durch die Sprecherin noch falsche Informationen gegeben werden, verstärkt sich die Vermutung, dass die Sache eher einem verkitschten Klischees folgenden Auftritt zuzuordnen ist.

Es ist eben falsch, wenn Fürstin Gloria von Thurn und Taxis auf der Bühne berichtet, dass die „stabilitas loci“ eines der drei Ordensgelübde der Benediktiner (und anderer Mönche) sei; es ist falsch, wenn im Programmheft vom „einzigartigen“ Chor Gregorianika die Rede ist; es ist falsch, dass der 11. November der Allerheiligentag ist; es war falsch, im Programm zu lesen, dass „Weisen der Hildegard von Bingen“ zu hören wären: schade, die Inhalte wären vorhanden und man könnte sie ehrlicher und professioneller aufbereiten.

Die sich der Gregorianik im Gesang nähernden Männer bildeten alles andere als einen einheitlichen Chor: mit unterschiedlichem Vibrato, wenig kundig in der Darstellung der Neumen, überwiegend ein Sammelsurium aus Advent-, Weihnachts- und Osterrepertoire des römischen Choralgesanges anbietend – und damit die Kompositionen der im Zentrum stehenden Hildegard von Bingen beiseite lassend, auch nicht immer gut intonierend, waren die Gesänge (für die Gregorianik gibt es keine Mehrzahl wie zu lesen: „Choräle“) mehr Beiwerk und Hintergrund als künstlerische Aussage. Die Fürstin rezitierte als Melodram zur Harfe durch Mikrofone verstärkt in vernehmlich hörbarer Diktion, wenn auch der Großteil im Ablesen von biografischen Angaben bestand.

Also ein eher – im guten Sinne – dem Dilettantismus zuzurechnender Abend, der im gewissen Sinne als eine inszenierte Informationsveranstaltung bewertet werden darf.

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

 

26. 9. 2013

 

Der Komponist hätte sich mehr als gefreut

 

Augustinus Franz Kropfreiter nimmt in der Musikgeschichte Oberösterreichs und darüber hinaus einen wichtigen Platz ein: ein Gedenkkonzert zu seinem 10. Todestag im Rahmen des Brucknerfest war also mehr als angebracht. Leider hat man dafür wenig in die Werbung investiert und mit einer Parallelveranstaltung im Brucknerhaus verhindert, dass der Abend in der Stiftsbasilika St. Florian gut besucht war – tut sich damit ein Brucknerfest selbst etwas Gutes?

Andreas Ettlinger spielte zur Eröffnung aus dem zahlreichen Orgelschaffen „Introduktion und Passacaglia“ aus dem Jahr 1961: ganz im Sinne des Erfinders hörte man die Registerwahl an der Brucknerorgel, auch im Geschmack der Tempi und der Phrasierung wusste er, Kropfreiter in den Raum zu zaubern.

Interessant die darauffolgende Gegenüberstellung von „Tota pulchra“-Kompositionen von Kropfreiter und Bruckner: erstere in erstaunlich traditionellem Tongewand, freilich an Bruckner erinnernd; letztere in gelungener dynamischer Gestaltung  durch den  Linzer Jeunesse-Chor unter Leitung von Matthias Giesen, leider nicht immer ganz intonationsrein.

 

Kropfreiters letzte (unvollendete) Komposition ist ein „Canticum Sancti Floriani martyris“ für Bariton, Sopran, Chor und Orchester, das von Thomas Daniel Schlee orchestriert und fertig gestellt wurde. Das wirkungsvolle viersätzige Werk erlebte durch die jugendlichen Stimmen des Chores, zwei gute Solisten und das bestens disponierte Altomonte-Orchester eine mustergültige Aufführung, über die sich der Komponist mehr als gefreut hätte. Und wiederum wäre es dienlich gewesen, den Text mitlesen zu können – wieder einmal versagte das Programmbuch; nicht nur, dass unwahre Angaben in der Einführung zu lesen waren – nicht einmal die Solisten waren es wert, vollständig genannt zu werden, so auch für das abschließende TeDeum von Anton Bruckner: ein mutiges Wagnis, in einem Internationalen Brucknerfest dieses Gedenkkonzert damit zu schließen. Die etwas „kalte“ Interpretation (mit dem Mozartchor des Musikgymnasiums verstärkt) war weniger an Vorbildern orientiert, eigenständig, wohl interessant; aber in Stellen wie „Te ergo quaesumus“ und „Salvum fac populuum tuum“ gar sehr emotionsarm, da hätte man sich schon Steigerungen in den wiederholten Rufen gewünscht. Dennoch muss man sagen, dass die insgesamt mehr jugendlichen Ausführenden (in der Anzahl wohl mehr als anwesende Zuhörer) mit dem ambitionierten Dirigenten Matthias Giesen „ganze“ Arbeit geleistet haben und mitgeholfen haben, in diesem Brucknerfest auch einen Bruckner-Akzent zu setzen.

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

Wenn die Jugend Trauer spielen muss

 

Bewunderswert, mit wieviel Spannung, Elan und Aufmerksamkeit die jungen Musikschüler des „Oö. Jugendsinfonieorchesters“ sich ins Zeug legen! Am Donnerstagabend erfuhren sie sogar Festspielweihen und durften einen Abend des Brucknerfestes gestalten. Allerdings mit einem für junge Leute erdrückenden Programm, das von Trauer, Leid, Krieg und ein bisschen Frieden erzählte. Einleitend gabs dazu den 150. Psalm von Anton Bruckner, auch keine „leichte“ Kost: zur Seite stand Donna Ellen als Solospran und ein Projektchor, dem man den Titel „Oö.LänderKlangChor“ verlieh. Und wie das für Projekte mit diesem Umfang sein kann, war nicht nur das Verhältnis von Männer- und Damenstimmen unausgeglichen, sondern auch sonst kaum Homogenität zu bemerken. Dazu kommt, dass das luftwirblende, gestenreiche – sogar preisgekrönte, zweifellos selbstbewusste – Dirigat der jungen Musikleiterin Mirga Grazynite-Tyla alles andere als dazu verhalf, differenzierte Dynamik in die Stücke zu kriegen.

 

Da gaben die jungen Leute im Orchester alles, was sie geben konnten, und breiteten über den Chor eine Klangwolke, dass man absolut nichts vom Text verstehen konnte ausser einem „Halleluja“ und der ersten Phrase der Fugenexposition „Alles, was Odem hat“. Den beiden anderen mehr als Abend füllenden Stücken ging es nicht anders.  Die von Martin Fiala mit dem mutigen Titel „Lux aeterna“ (man bedenke, dass prominente Komponisten sich dessen bedienten) dreiteilig konzipierte Trauermusik – der man in der Programmeinführung sogar (nicht hörbare) Elemente der Gregorianik nachsagte – wirkt in ihrer einfachen Tonsprache bisweilen langatmig, wenngleich es interessante kammermusikalische Momente wie z.B. zwischen Sopransolo und einfacher Holzbläserbesetzung gab. Auch hier: Text leider niemals verständlich -  daher für den Zuhörer wenig zuordnungsbare Instrumentalpassagen.

 

Der „große Brocken“ kam dann nach der Pause: „The Armed Man – a Mass for Peace“ von Karl Jenkins, eingeleitet mit dem in der Musikliteratur viel zitiertem „L’homme armé“-Lied. Ausladend, überbordend, wenig jugend-gerecht – wenngleich wichtige Themen beinhaltend: zweifellos ein interessantes Stück, das man reiferen Ausführenden zumuten möchte. Auch hier war die Dirigentin mit all ihrer Darstellungskraft am Werk, beinahe akrobatische Tänze am Podium veranstaltend – vielleicht war es ja ein ehrliches körperliches Engagement für den Frieden.

 

Es ist aber absolut unverständlich, dass ein „internationales“ Fest in seiner Programmbuchgestaltung weder auf die Angabe einer Pause, noch auf die Vermittlung von Texten – noch dazu unbekannter Werke – Rücksicht nimmt. Das ist mehr als unprofessionell.

 

Rupert Gottfried Frieberger