Brucknerfest 2012

14. 9. 2012

Ghielmi als Könner, der der Raserei über die Tasten abschwört

 

Es hieße Eulen nach Athen tragen, Lorenzo Ghielmi als einen vortrefflichen Organisten zu loben. Mit viel Geschmack wählte er für sein Debüt beim Linzer Brucknerfest am Freitagabend in der Minoritenkirche nicht nur ein interessantes Programm, das die Klangpalette der Wegscheiderorgel vollends zur Geltung brachte; er machte die Zuhörer auch mit der Alternatim-Praxis bekannt, die einen Wechsel von Gregorianischem Gesang und Orgelspiel darstellt. Für diese Realisierung stand die Schola Floriana unter Matthias Giesen zur Verfügung. Nicht immer intonationssicher, aber bemüht um Homogenität ließen die etwa 10 Herren die einzelnen Verse zur passenden Stelle erklingen, so schon beim einleitenden „Kyrie summum“ mit der Tropierung „Fons bonitatis“ zur Musik von Hieronymus Praetorius, dann zu den „Ave maris stella“-Versen von Frescobaldi und einem Magnificat des Mailänders Gian Domenico Cantenacci. Schade, dass man nicht den Mut fasste, die Art des Singens an das jeweilige Jahrhundert und die jeweilige Landschaft anzupassen, auch in der Wahl der Choraldialekte hätte das – einem internationalen Festival angemessen – mehr übereinstimmend mit der Musik sein können, und es wäre wohl noch ein größerer pädagogischer Effekt für das überaus zahlreich erschienene Publikum gewesen, zumal die Choralforschung den Weg dazu längst frei gemacht hat.

 

Ghielmi überzeugte restlos mit seinen Beiträgen und mündete in eine abschließende Serie von von Bach-Werken. Auch hier blieb er nichts schuldig: Praeludium und Fuge samt eingebettetem Trio in C (BWV 545) und vor allem Toccata, Adagio und Fuge in C (BWV 564) zeigten, dass er dem Zeitgeist einer neumodischen Raserei über die Tasten bewusst ausweicht – es war mehr als angenehm, ihn so besonnen, fast bedächtig und galant spielen zu hören. Der Programmeinführung von MarieTheres Arnbom muss allerdings heftig widersprochen werden, wenn sie dem Publikum suggeriert, dass für das Werk Bachs die Freien Formen wesentlich sind: die Choral-gebundenen Zyklen geben genauso, wenn nicht noch mehr, von der Verknüpfung theologischer Kenntnis und musikalischer Kunst verbunden mit einer verbindlichen Aussage an Hörer und Interpreten wieder.

 

Rupert Gottfried Frieberger