Mozartwoche 2012

Bemerkenswerte Leistung der Bayern in Österreich, 29.1.2012

 

Der Sonntagabend brachte in der diesjährigen Mozartwoche Salzburg im Großen Festspielhaus eine mehr als interessante Begegnung mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der ungeplanten Leitung des blutjungen Dirigenten Pablo Heras-Casado (für den erkrankten J.E.Gardiner). Mit eigenwilligen, aber nicht unlogischen Gesten ließ er in der einleitenden Idomeneo-Ouvertüre den Klang durch Naturtrompeten verbessern, wenngleich die modernen Pauken dann dieser Denkweise widersprachen, wie auch die Besetzung mit 6 Kontrabässen. Mit rhythmisch präzisem Ductus, ohne Stab dirigierend, setzte er klare Zeichen und zauberte eine kompakte Eröffnungsmusik in den Saal.

 

Im anschließenden Klavierkonzert Es-Dur KV482 mit Emanuel Ax als Solisten wusste das Orchester sehr kompetent seine Rolle in Begleitung und Selbständigkeit zu teilen und zeigte extreme präzise Klangkoordination. Schon im Kopfsatz zeigte Ax seine Qualität als stilsicherer, ohne Mätzchen der Sache dienender Pianist.

Berührende, fast vibratolose Streicherklänge im „Andantino cantabile“ umgaben die vornehmen, mit feiner Agogik dosierten Klaviertöne, die sich mit Eleganz und Noblesse auch im Finalsatz einstellten, von Heras-Casado in einem angenehmen, nicht zu durchgepeitschtem Tempo dargestellt.

 

Eine Offenbarung besonderer Art war die abschließende „schottische“ Symphonie von Mendelssohn: wie in einem Guß präsentieren die Bayern das Stück, fernab von Hochglanz-Politur und Süßlichkeit, sondern streng, sachlich und mit energiegeladen.

Der Dirigent überraschte mit der selten gespielten Wiederholung im ersten Satz ebenso, wie auch mit interessanten Übergängen innerhalb der Satz-Folgen – teilweise attacca, teilweise groß ausholend, immer mit Sinn. Beinahe war man in der Klangbildung an die ersten Versuche von Nikolaus Harnoncourt im Umgang mit großen Orchestern erinnert, wenn die routinemäßig dienenden Orchestermusiker plötzlich „gegen den Strich“ gebürstet wurden: aber das Ergebnis war auch hier ein neues Mendelssohn-Klangerlebnis, das zeigte, wie manche Aufbauarbeit seine Früchte über die Grenzen wirft.

 

Ein wie selten gelungener Abend, der den Bayern höchste Anerkennung brachte mit langanhaltendem Applaus– und sogar vom Orchester eine Zugabe erzwang.

 

Rupert Gottfried Frieberger

 


 

Ein D-Dur-lastiges Programm mit Politur der Wiener Philharmoniker, 1.2.2012


Mozart-Freunde aus aller Welt kamen bei diesem Konzert der diesjährigen Mozartwoche im Salzburger Großen Festspielhaus endlich auf ihre Rechnung: ein reines Mozart-Programm mit den in Politur spielenden Wiener Philharmonikern unter Ivan Fischer – was wünscht sich der traditionsbewusste Salzburg-Pilger mehr? Radu Lupu perlte ein Klavierkonzert einher (KV 595), mit der schwungvoll gespielten Prager Symphonie klingt das Konzert aus, das mehr als genug die Tonart D-Dur präsentierte (Serenade KV 239, Marsch D-Dur KV 335, last but not least Prager Symphonie KV 504 D-Dur), dass auch musikalisch versierte Ohren ermüden können.

Rupert Gottfried Frieberger

 


 

Delicatesse und Spannung, 2.2.2012

 

Rene Jacobs am Pult der Camerata Salzburg: das hielt, was man sich schon im Voraus versprach. Nämlich ein Konzert mit Delicatesse und Spannung, eine Klangrede im wahrsten Sinne des Wortes. Da „sprachen“ Haydns „Salomon“-Symphonie und Mozarts „Haffner“-Symphonie mit allen Schattierungen zwischen den Zeilen, ließen aufmerken und gaben sich die Themen in die Hand. Jörg Widman setzte noch eins drauf mit einer zur Aufmerksamkeit zwingenden Interpretation des Klarinettenkonzertes KV622. Alles in allem ein neuer Mosaikstein in der Serie der Erfolge der diesjährigen Mozartwoche.

rgf


„Wenn am Wochenende alles stimmt“: Barenboim und Minkovski bei der Mozartwoche, 3.-4.2.2012

 

Daniel Barnboim als Dirigent und Solist für zwei Klavierkonzerte von Mozart (KV 537, KV 491) im Großen Festspielhaus Salzburg am Schluß der Mozartwoche – das war mehr als eine Offenbarung. Mozart sachlich, ohne Süße, schlank, Raum gebend für das Hörbarmachen mancher Mittelstimmen und Instrumentalsoli: wenn dann das Partnerorchester der verjüngte Klangkörper der Wiener Philharmoniker ist, scheint die Partnerschaft perfekt zu sein.

Mit innerviertem Anschlag, fein dosierter Agogik und persönlicher Emotion zauberte der 70-Jährige unvergessliche Klänge in den Saal. Selten, dass sich Präzision und Gefühl so die Waage halten; auch die Balance zum Orchester war perfekt, dass das Klangbild trotz moderner Instrumente und trotz moderne bedrahteter Klangmaschine keine Sehnsucht nach Originalklang aufkommen ließ, und man mit geschlossenen Augen die Empfindung hatte, Mozart selbst sei am Werk. Klar, dass der „Schönklang“ der Wiener einen am Original orientierten Sound nicht ersetzen konnte; aber die Frage nach der Einheit war mehr als positiv beantwortet, wenngleich man sich für das c-Moll-Konzert einen tragischeren Ductus hätte vorstellen können.

Dazwischen gabs – mehr als erfreulich! – eine Begegnung mit der „Kammersymphonie“ op.9 von Arnold Schönberg: hier setzte Barenboim noch eins drauf im Dirigat ohne Stab: schillernd in den Farben in der Fassung für 15 Instrumente, einst Anstoß zur Diskussion bis zum Skandal, am Samstagabend als Klangzauber, der den Atem anhalten ließ.

 

Ohne Stab – das ist auch ein Markenzeichen für Marc Minkovski, der ab 2013 der neue Intendant der Mozartwoche sein wird; mit seinem Orchester „Les musiciens du Louvre Grenoble“ war er am Freitagabend für die Wiedergabe von Bachs „Magnificat“ BWV243 und Mozarts Sakramentslitanei KV 243 verantwortlich: da beherrschte der Originalklang das „Haus für Mozart“, da war Wissen und Kunst am Werk, da klangen innige Momente bei Mozart auf, und war Bach sachlich und konkret zugleich. Richtig war die Wahl, den Chor bei Bach nur von 10 Sängern interpretieren zu lassen und die Solisten (Emmanuelle de Negri, Julia Lezhneva, Nathalie Stutzmann, Colin Balzer und Lucca Tittoto) mit in den Chor einzubeziehen – bei Bach selbst war es nicht anders. Für Mozart standen 25 Sängerinnen und Sänger des Estonian Philharmonic Chamber Choir zur Verfügung, die homogen und konturenreich die Chorsätze wiedergaben. Auch hier stimmte, auf seine Weise, alles: Minkowski versteht die Klangregie mit historischem Instrumentarium bestens, sorgte für eine der Sache dienende Aufstellung und bewährte sich abermals als kompetenter Sachwalter, auf den sich nun die Neugierde auf seine neue Tätigkeit in Salzburg konzentriert.

 

Rupert Gottfried Frieberger