Brucknerfest 2011

Orgelabend Bötticher

14. 9.2011

Jörg Andreas Bötticher sorgte in seinem Programm für den Orgelabend im Brucknerfest am Mittwochabend in der Martin-Luther-Kirche Linz für Abwechslung, wenn er teil originale Transkriptionen, teils selbst für die Orgel adaptierte Klavierstücke vorstellte. Prominenter als J.S. Bachs „Concerto a-moll“ nach einer Vorlage von Vivaldi hätte der Abend nicht beginnen können, und das Werk dank profunden Wissens und Könnens des Interpreten in der Aufführungspraxis Alter Musik auch eine kaum bessere Darstellung erfahren können. Dem fügte sich die g-Moll-Sonate des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel ebenbürtig an.

 

Drei Moll-Préludes von Chopin aus opus 28 gingen an die Grenze des Experimentes: die Orgel konnte keineswegs in Stimmungsmacherei und Poesie dem Klavier die Hand reichen, das gilt auch für den Versuch mit Bruckners Klavierstück „Stille Betrachtung an einem Herbstabend“ – die Härte des Orgelklanges nahm der Betrachtung die „Stille“ und zauberte auch keinen „Herbstabend“ herbei.

Versöhnlich stimmten die Beiträge von Mendelssohn, die der historisierenden Orgel der Martin-Luther-Kirche reizvolle Töne entlockten. Vorspiel und Fuge c-Moll von Bruckner machten dem Fest-Patron alle Ehre als überzeugend gespielte Kontrapunkt-Studie.

 

Orgelabend im Neuen Dom mit berauschender Improvisation

23. 9. 2011

 

Die Transkription war auch im zweiten Orgelabend des Brucknerfestes am Freitagabend im Neuen Dom u.a. das Kennzeichen des Programmes. Es ist Thomasz Nowak erstaunlich gut geglückt, für drei Richard-Wagner-Bearbeitungen der skandinavischen Charakterorgel mit Klangschattierungen und Effekten eine hochromantische Atmosphäre in den Raum zu projizieren, besonders gelungen im „Karfreitagszauber“.

Eher unkonventionell gestaltete er in Tempi und Klangregie vier von 11 Choralvorspielen von Johannes Brahms, gleichsam als Brücke zu einer ausladenden symphonischen, meisterhaften Improvisation über Themen aus Bruckners „Sechster“, neben Bruckner-Harmonien auch angereichert mit gleichsam „neobarocken“ Klangfloskeln: gerne hätte man sich da eine abschließende kontrapunktische Form erwartet, was kein Gegensatz zu einer „symphonischen Skizze“ gewesen wäre.

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

Amerikanisches an der Brucknerorgel

27. 9. 2011

 


Die Brucknerorgel in St.Florian war das richtige Instrument für den erfolgreichen Amerikaner Bruce Neswick, der sich laut Programmbuch „weltweit für die Pflege der Kirchenmusik einsetzt“, was immer das auch bedeuten mag.

 

Ganz im Zeichen des heurigen Gedenkjahres spielte er „Praeludium und Fuge über den Namen BACH“ von Franz Liszt und ehrte den Jubiläumskomponisten abschließend auch mit einer farbenreichen, durch mehrere Stile wandernden Improvisation..

Anton Heiller’s Meditation über die gregorianische Antiphon „Ecce lignum crucis“ aus der Karfreitagsliturgie ist eine eindringliche Aufforderung, voll mystischer, wohlüberlegter Klänge: diesen wusste Neswick im richtigen Tempo zu begegnen und verhalf dem Stück zu überzeugender Wirkung.

 

Besonders interessant war die Bekanntmachung mit amerikanischer Orgelmusik, wenngleich man den gebotenen Stücken einen gewissen oberflächlichen Duktur nicht absprechen kann : „Ora labora“ von Gerre Hancock ist eine in fünf abwechslungsreiche Abschnitt eingeteilte Variationenfolge über einen englischen Hymnus. Das „Te Deum laudamus“ von David Hurd rechtfertigte dessen Ruf als amerikanischen Erfolgskomponisten allemal: mehr als genug Gelegenheit für Bruce Neswick, sein technisches Können und seine Virtuosität unter Beweis zu stellen, die ihm auch mit Applaus bedankt wurden.

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

MAHLER MIT HOHEN MASSSTÄBEN VOR WENIGEN ZUHÖRERN

29. 9. 2011

Mahlers „Lied von der Erde“ stand auf dem Konzertprogramm für das Brucknerfest am Donnerstagabend, als Ausführende fungierten Brigitte Pinter und Herbert Lippert (Gesang), die Slowakische Philharmonie und als Dirigent Ernst Theis. Diesem gelang der Spagat zwischen heroischer und lyrischer Orchestermusik samt Singstimmen ganz gut; wenn auch nahezu immer im großen Gestus ausgeholt, wusste sich das Orchester wenigstens ab dem dritten der sechs Lieder gut zu beschränken, um die nötige Balance herzustellen.

Ein Kraftakt für Tenor Lippert war es allemal, charaktervoll dargestellt, einerseits – wie im fünften Lied – den Duktus des Volksliedhaften herausarbeitend, andererseits – wie gleich zu Beginn –  sich heldenhaft gebend.

Dass Brigitte Pinter, angekündigt als Sopran für die Alt-Partie Mahlers, sich gut auf dieses Debüt in Linz vorbereitete, war allenthalben zu hören: ihr assistierte das Orchester sichtlich mit Leidenschaft in Klangschattierungen aller Variationen, mit gefühlvollen Rubati durch den Dirigenten., und manchem spannenden Instrumentalsolo.

Wenn auch die Textdeutlichkeit bisweilen zu wünschen übrig ließ, so setzte sie doch mit dem letzten Lied hohe Maßstäbe und ließ das Publikum nach dem Abschied ins Ewige zurecht den Atem anhalten: nach angemessener Stille berechtigter lebhafter Applaus von einer intimen Hörergemeinde: der Saal war nicht einmal zu zwei Drittel voll – was sind das für Vorzeichen für ein neues Opernhaus? Wo sind die Musikbegeisterten? Setzen die musikbildenden Institutionen des Landes aufs falsche Pferd und bringen es nicht fertig, auch zum Zuhören zu erziehen? Schade, der Abend wäre es wert gewesen,  gerade die musikalische Jugend und deren Lehrer mit einem Meisterwerk der Musikliteratur aus kompetenter Hand bekannzumachen!

 

Rupert Gottfried Frieberger

 

 

(Ich kann ja nicht schreiben, dass KEINER von 1.600 Musiklehrern und 100 Direktoren, und keine Studierende der Bruckneruni zu sehen waren……. )

 

Eine fesselnde Zweite in der Originalfassung in St.Florian

30. 9. 2011

Denis Russel Davis hatte sich für „sein“ Konzert mit dem BrucknerOrchesterLinz entschlossen, die Zweite Symphonie von Anton Bruckner in der – nach mehreren Versuchen seit 2005 vorliegenden – „Originalfassung“ von 1872 anzubieten.

 

Das spannende Unternehmen gelang vollends: Schon im Kopfsatz konnte man den Wohlklang der Bläser (gut ausgestimmte Terzen, Balancen wie man sie selten hört) bemerken und vor allem den Umgang des Dirigenten mit den vielen Generalpausen beobachten: beinahe immer gelangen diese zu Energieträgern für das Kommende und waren sie spannungsgeladen.

 

Gut gewählt war auch das Tempo des Scherzos: angemessen dem Raum aber mit „Biss“, nicht polternd, sondern elegant.

 

Für das Adagio – in der Reihenfolge mit dem Scherzo richtig vertauscht – war langer Atem und Würde angesagt, sozusagen ein „entmystifiziertes“ Bruckner-Klangbild, hörbar in allen Details als Klangteppich mit Farbtupfern der Instrumentalsoli. Klar, dass auch der Finalsatz dem bisherigen nicht nachstand und eine Einheit des Ganzen erzielte.

 

Mit dieser respektvollen, am Original orientierten Wiedergabe zeigte das Bruckerorchester wahre Festspielreife; man hätte dem heimischen Orchester einen besseren Besuch vergönnt –  schade, dass wiederum mehr als viele Plätze leer blieben. Beschämend für das „Musikland“ Oberösterreich, das offensichtlich versagt, ein Publikum zum Hören von Musik heranzubilden.

 

Rupert Gottfried Frieberger

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