Sonntagsgedanken August 2008 - Ö1

Sonntagsgedanken 1
•    Die katholische Kirche feiert heute das Fest MARIAE AUFNAHME IN DEN HIMMEL. An zahlreichen Altären Oberösterreichs findet man bildliche Darstellungen dieser Aufnahme, u.a. von bedeutenden Meistern aller Jahrhunderte.
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•    Aufnahme. Das mag herzliche, wohltuende Aufnahme sein. Das mag manchmal auch sein wie die Notaufnahme im Krankenhaus, in letzter Sekunde. Aber es bleibt eine Aufnahme, ein Aufgenommen-Sein. Wir brauchen das nur gegen die vielen Erfahrungen von Zurückgewiesen-Werden zu stellen, um zu verstehen, was es bedeutet, dass uns im Letzten bei Gott Aufnahme verheißen ist und dass die Aufnahme ihren Anfang genommen hat - in Maria und in der Feier der Kirche.
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•    Leibliche Aufnahme das bedeutet: Meinem ganzen Leib, meiner ganzen Geschichte, unserer ganzen Geschichte, mit Leib und Seele, mit Narben und Wunden - all dem, was wir sind und geworden sind, ist Aufnahme verheißen. Gegen die vielen Türen, vor der Nase zugeschlagen; gegen die viele Einsamkeit, in den Ecken am Bahnhof und im Park; gegen die viele Vertreibung, weil nur zählt was ethnisch rein ist - gegen all dieses Nicht-Aufgenommen-Werden setzt Gott die Aufnahme. Wenn das kein Grund zum Feiern ist?
•    Maria ist nicht nur deswegen Urbild der Kirche, weil an ihr die Verheißung in der le(i)bhaftesten Weise bereits begonnen hat. Sie ist auch Urbild, weil an ihr deutlich wird, dass Verheißung immer mit Bereitschaft zusammenhängt. Ohne das Wort der Bereitschaft, mit dem ich mich auf Gott und Gottes Pläne einlasse, muss jede Verheißung verdorren. Die Verheißungen Gottes sind freier Ausdruck seiner Liebe und daher können sie nur in freier Erwiderung dieser Liebe wirksam werden.
•    Nicht zufällig werden wir durch das Evangelium vom Besuch Marias bei Elisabeth auf genau das Thema gestoßen, das am genauesten den Ort trifft, an dem unsere Bereitschaft sich ausdrücken muss: an der Gastfreundschaft. Es ist eine alte christliche Überzeugung, dass Gastfreundschaft Gottesdienst ist: Bereitschaft für das Kommen Gottes, vergleichbar der Gastlichkeit mit der Abraham drei Fremde aufnimmt und so eine Vorahnung des dreifaltigen Gottes erfährt. Wie einen Gast hat auch Maria den Engel der Verkündigung aufgenommen. Unsere Bereitschaft kann sich somit nur darin ausdrücken, dass wir die Menschen aufnehmen, die an unsere Tür klopfen, die an unserem Wegrand liegen, die von der erfolgsgewohnten Welt vergessen wird. Wem das nicht klar ist, der lese das Weltgericht im 25. Kapitel bei Matthäus nach: Was wir dem Geringsten getan haben, das haben wir Ihm getan.
•    Das ist das Fest, das wir feiern: Dass die Bereitschaft zur Aufnahme des Gastes unter dem Zeichen der Verheißung steht: dass Gott dieses Leben nicht verfallen lässt, sondern uns mit Leib und Seele aufnimmt. Dass wir im bereitwillig aufgenommenen Gast selbst bereits aufgenommen sind in die Verheißung. Dass mit Maria alle berufen sind, mit Leib und Seele zur Aufnahme in die Herrlichkeit des Himmels.


Sonntagsgedanken 2
Es wird erzählt: Otto von Bismarck besuchte einen Bekannten. Als er in dessen Zimmer kam, entdeckte er ein Bild von sich. Mit forschem und selbstsicherem Blick war er dargestellt auf diesem Portrait. Bismarck besah es sich, schüttelte den Kopf und sagte: Das soll ich sein? Das bin ich nicht!
Dann drehte er sich um und zeigte auf ein anderes Bild im Zimmer, das den sinkenden Petrus zum Thema hatte und sagte: Das bin ich!

Anders als Bismarck wird es auch uns nicht ergehen.
 Denn wir alle erkennen uns wieder in diesem Petrus. Auch wir stammen aus dem Boot derer, die vom Sturm und den Wellen des Lebens in der Dunkelheit hin- und her geworfen werden. Auch wir fühlen uns bedroht von den Verderbensmächten unserer Welt.
Auch wir sehen uns ausgeliefert dem Sog des Pessimismus und der Resignation, dem Sog der Gefühllosigkeit und Lieblosigkeit, dem Sog des gebrochenen Glaubens und der schleichenden Verzweiflung. Und je weiter wir uns hinauswagen aufs Meer, desto ungewissen wird unser Leben.

Noch etwas anderes kommt hinzu. Auch uns trifft der Tadel: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Nach Ansicht des Religionsphilosophen Sören Kierkegaard zählen wir eher zu den „distanzierten Bewunderern als zu den herzhaften Nachfolgern“ dieses Jesus.

Bewunderer klatschen Beifall, Nachfolger greifen das Lebensbeispiel auf; dieser Jesus gefällt vielen, aber längst nicht alle Christen leben nach seiner Maxime.
Wie dem Petrus wird auch uns die Angst auf dem Weg nicht erspart.

Gewiss fürchten auch wir, dass der Sog der Tiefe stärker sein könnte als die guten Kräfte in unserem Leben, die uns im Licht und in der Luft des Tages halten.

Gewiss müssen auch wir damit rechnen, dass der Herr erst in der vierten Nachtwache zu Hilfe kommt, also sehr spät, als niemand mehr damit rechnet; Seine erschreckende Abwesenheit wird eher erfahren als seine bergende Nähe.

Hinter dieser Petrusgeschichte verbirgt sich eine Glaubenserfahrung, die auch für uns hilfreich ist.
Solange man den Abgrund anstarrt, wird man von ihm hinab gezogen; solange man den Blick auf den Herrn gerichtet hat, solange trägt das Vertrauen zu Jesus, der seine rettende Hand ausstreckt. Wenn man nicht mehr einfältig glaubt, sondern wie Petrus zwie-fältig oder zwiespältig, das heißt zweifelnd wird, dann scheint die raue Wirklichkeit stärker zu werden als die Ahnung in uns, dass der, der uns ruft, uns auch halten wird.

Um es nochmals zu sagen: So lange Petrus selbstbezogen ist, auf sein eigenes Ich und sein Leben konzentriert und nur darauf, so lange spürt er nur den Untergang. Als er sich wieder auf Jesus konzentriert und nur auf ihn, als er wieder ganz christozentrisch wird, da erlebt er die Kraft, die ihn halten wird.

Wenn ich das recht bedenke, dann kommt mir Hilfe von diesem Evangelium her:
wenn ich keinen Boden mehr unter den Füssen spüre, sollte ich eine Schritt auf Jesus zu machen.
Mancher Zweifel hat auch sein Gutes: er kann das Vertrauen stärken und vertiefen, weil wir neu suchen müssen, wo wir uns fest machen können und wo wir Halt finden.
Wenn alles glatt läuft, dann werden wir sehr vertrauensselig und wir vergessen dann rasch den, der uns immer entgegenkommt mit ausgestreckter Hand. Seine Hand bleibt ausgestreckt – das ist Garantie genug dafür, dass wir nicht untergehen.
Wir müssen die Hand nur ergreifen...


Sonntagsgedanken 3
21. So im Jkr,  24.8.
•    Die Tatsache, dass dem Petrus im heutigen Tagesevangelium die Schlüssel des Himmelreiches gegeben werden, macht uns auf ein bedauerliches Faktum aufmerksam: Es gibt da ein Schloss vorm Himmelreich Man spaziert nicht wohlgelaunt und galant in den Himmel, ganz ohne weiteres.
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•    In den großen Schwimmbädern gibt es riesige Rutschen. Ganz oben steigt man ein und saust nach unten. Ohne jede Chance zu verlangsamen oder auszusteigen. Wie auch im Leben:. Sich auf die vorgefertigte Bahn setzen und lossausen. Und man landet einfach nur ganz unten.
•    Es gibt andere, die nicht nach unten wollen. Sie wollen auf einen Berg. Mit aller Kraft arbeiten sie sich nach oben. Der Aufstieg wird lediglich immer härter, immer verbissener, immer einsamer und immer sinnloser. Ins Himmelreich kommt man so nicht.
2. Ausgeliefert
•    Der einzige Mensch, von dem die Heilige Schrift ausdrücklich sagt, dass er den Weg in den Himmel geschafft habe, ist der Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde. Von ihm sagt Jesus: "Noch heute wirst Du mit mir im Himmel sein". So nahe am Himmel wie dieser ist kein Mensch je gewesen. Denn dieser Verbrecher war ganz nahe zu dem Gott, der sich ausliefert.
•    Der Weg in den Himmel führt über die Auslieferung. Nicht die Auslieferung an Mächte und Gewalten ist gemeint, die Auslieferung an die Rutschbahn in die Tiefe. Sondern die Auslieferung an den Menschen, den anderen. Es ist Gottes großer Leichtsinn sich den Menschen auszuliefern - aus Liebe. Es hätte sich auch Gott zufrieden mit seiner Allmacht und Unendlichkeit in sich zurückziehen können - wenn ihn nicht seine Liebe dazu gedrängt hätte, sich an Menschen und ihre Geschichte auszuliefern: An Abraham und die Patriarchen, an Joseph und seine Brüder, an sein geliebtes Volk Israel, an Petrus, den Felsen seiner Kirche, an das Kreuz.
•    Ausliefern ist sich binden, ist etwas, was uns gemeinhin widerstrebt. Sich binden ist der Leichtsinn eines Vertrauens in den Menschen, gegen alle Erfahrung.
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•    3. Der Schlüssel zum Himmelreich
•    Das sind die Schlüssel zum Himmelreich. Die Auslieferung Gottes an den Menschen. Was Petrus - Felsen der Kirche - auf Erden bindet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was Petrus, Felsen der Kirche, auf Erden löst, das wird auch im Himmel gelöst sein. An diesen Petrus, an diese Kirche, an diese allzumenschlichen Menschen bindet sich Gott und liefert sich uns aus - aus Liebe.
•    Für uns sind daher der Schlüssel zum Himmel die Sakramente, jene Zeichen des Heils, der Bindung und der Auslieferung, die Petrus, dem Felsen der Kirche, anvertraut wurden: Das Sakrament der Gemeinschaft im Bund, die Taufe. Das Sakrament der liebenden Auslieferung Gottes an den Menschen, im Brot des Leibes Christi, in dem sich Gott in unsere Hand legt. Das Sakrament der Verzeihung und des Neuanfangs, in dem ein von Menschen gesprochenes Wort auf Gottes Auftrag ruht.


Sonntagsgedanken 4
•    Das heutige Sonntagsevangelium in der katholischen Liturgie bringt den Bericht der wunderbaren Brotvermehrung nach dem Evangelisten Matthäus.

•    Wir haben nicht gelernt nachhaltig zu leben, wir leben verbrauchend. Sind wir zu einem reichhaltigen Buffet geladen – oder kommen wir per Zufall in dessen Genuss, das uns bereitet wurde, wird heißhungrig abgeräumt. Wir sollten uns also tunlichst dafür interessieren, was es mit dem Wunder Jesu auf sich hat, das nicht nur abräumt, sondern aufbaut und übrig lässt.
3. Zwölf Körbe voll
•    Wenn Jesus die Jünger auffordert "Gebt ihr ihnen zu essen", dann klingt das ein wenig großspurig, als wolle er zeigen, was die Jünger nicht können, er aber kann. Tatsächlich aber ist es überaus zentral zu verstehen, dass nicht alles "machbar" ist. Gerade die Machbarkeit, für sich allein und absolut genommen, wird uns langfristig schaden. Statt dessen nimmt Jesus das, was da ist, "blickt zum Himmel auf, spricht den Lobpreis, bricht die Brote und gibt sie den Jüngern; die Jünger aber geben sie den Leuten". Es ist diese andere Weise zu denken und zu handeln, die Jesus von der reinen Machbarkeit unterscheidet.
o    Zuerst steht das dankbare Bewusstsein, dass alles, was wir haben, verdankt ist. Ich kenne keinen einzigen Menschen, der bei allem Bewusstsein seiner Leistungsfähigkeit in der Lage wäre, auch nur einen einzigen Bleistift ohne fremde Hilfe herzustellen. Selbst für die einfachsten Dinge sind wir angewiesen auf andere. Und letztlich haben wir nichts hervorgebracht, ohne nicht Vorhandenes zu nutzen und zu verbrauchen. Das mindeste ist also der Dank dafür. Mit den Augen zum Himmel spricht Jesus sein Dankgebet, nicht aus Missachtung menschlicher Leistung, sondern aus dem Wissen darum, wem wir die Voraussetzungen für unsere Eigenleistung zu danken haben.
o    Als Zweites steht das Brechen und Teilen des Brotes. Das ist notwendige Folge des Ersten. Wer sich in seiner Ignoranz einbildet, autark zu sein und meint, alles nur sich selbst zu verdanken, wird vielleicht, um sich selbst zu schmeicheln, Almosen geben. Er wird aber nie teilen. Erst die Dankbarkeit macht uns fähig, das ängstlich Zusammengehaltene zu teilen, zu brechen, weiterzugeben.
o    Das vielleicht Wichtigste aber ist das Dritte. Jesus gibt den Jüngern den Auftrag das Brot an die Menschen weiterzugeben. Jesus gibt es nicht selbst, sondern gibt den Jüngern den Auftrag. Hätte er es selbst gegeben, wäre die Geschichte und wäre das Wunder Gottes mit dem Tod Jesu zu Ende. Er aber gibt einen Auftrag und gibt weiter. Im Bewusstsein dieses Auftrages geben dann auch die Jünger weiter.
•    Das ist denn auch der Sinn der zwölf Körbe. Denn nicht elf und nicht dreizehn Körbe verzeichnet das Evangelium, sondern zwölf. Zwölf ist die Zahl des von Gott begründeten himmlischen Jerusalem und ist die Zahl der Apostel, auf die Jesus die Kirche begründet hat. Das Wunder der Brotvermehrung mündet also darin, dass Gott sich die Kirche beruft und schafft, als eine Gemeinschaft, die berufen ist, dankbar zu sein, das Brot zu brechen und nicht für sich zu behalten und zu verbrauchen, sondern weiterzugeben.
•    Wenn wir darin versagen, haben wir uns dieser Berufung beraubt. Wenn wir weder dankbar noch teilen sind, sondern paschahstolz für uns behalten, was uns doch auch nur geschenkt wurde, dann haben wir uns aus dem Wunder Jesu ausgeklinkt. Welch eine Chance aber liegt in diesem Wunder für eine Zeit, die so dringend lernen muss nachhaltig zu leben: dankbar zu sein und zu teilen.